Thomas Soraperra

Vernissagenrede & Speed Dating

Vernissage, 6. Juni 2009

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Künstlerinnen und Künstler, liebes Publikum.

Willkommen hier im Love Hotel in Vaduz.
Als mich Laura Hilti, eine der Initiatorinnen dieses Projektes vor einiger Zeit gefragt hat, ob ich nicht Lust hätte, eine Art Vernissagerede zu halten, habe ich spontan ja dazu gesagt. Und ich habe mich danach gefragt, warum ich das getan habe, was mich an diesem Projekt sofort fasziniert hat.
Love Hotels sind heute wichtige Elemente der japanischen Alltagskultur. Sie sind im eigentlichen Sinn des Wortes Stundenhotels. In Japan gilt der Besuch eines Love Hotels nicht unbedingt als anrüchig, auch wenn es von Prostituierten und für außereheliche Affären benutzt werden kann.
Meist werden Love Hotels von Schülern und Studenten genutzt, die bei ihren Eltern oder in Wohnheimen wohnen, und die dort kaum eine eigene Privatsphäre haben, die dort keine Möglichkeit, sich in einen privaten Raum zurück zu ziehen.
Love Hotels werden aber auch von verheirateten Paaren besucht, deren Räume zuhause zu hellhörig sind.

Love Hotels sind also Ausdruck der Suche nach Privatheit, nach Intimität in einer streng reglementierten und mit starken sozialen Codes ausgestatteten Gesellschaft, wie sie die japanische Gesellschaft darstellt, und wie sie oft auch in dörflichen Kontexten zu finden ist.

In Bezug auf die Love Hotels ist mir auch sofort der Summer of Love in den Sinn gekommen. Der Versuch der 68iger Generation, sich einen Freiraum zu erobern, sich von gesellschaftlichen Zwängen und Normen zu befreien und – in der Öffentlichkeit – die eigene Privatheit, die eigene Intimität zu zeigen bzw. zu leben.

Das Love Hotel ist also auch die Suche nach einem Freiraum, einem Zwischenort, der zeitlich begrenzt Möglichkeiten gedanklicher und realer Natur schafft. Ein Exemperimentierfeld für Wünsche, Ideen und Vorstellungen.
Das Love Hotel wandelt an der Grenze von privat und öffentlich. Es ist ein Ort für Gesellschaft ausserhalb der Gesellschaft. Es ist ein privater Ort der zugleich Öffentlichkeit herstellt.
Das Love Hotel hier in Vaduz manifestiert sich heute real.
Ein leerstehenes Haus wurde von über 40 Künstler und Künstlerrinnen in Beschlag genommen. Ein zur Zeit nutzloser Raum wurde mit unterschiedlichen Funktionen, Codes, Denk- und Handlungsräumen aufgeladen. Ein privates Wohnhaus wird der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.
Für eine Woche ist hier mitten in Liechtenstein ein Ort entstanden, der die Möglichkeit bietet, aus dem Alltag, vielleicht aus erdrückenden Zwängen auszusteigen und in eine andere Welt, in eine Welt der Utopien, der Möglichkeiten einzutreten. Es ist die Möglichkeit entstanden, der Hellhörigkeit der Liechtensteinischen Hauswände entfliehen zu können.

Die Zimmer der japanischen Love Hotels können stundenweise, meist 2 bis 3 Stunden gemietet werden. Der Einstieg in die eigene Privatheit, in die eigene Intimsphäre erfolgt also zeitlich begrenzt. Auch hier in diesem Love Hotel können Sie als Besucher während der nächsten Woche die Räume stundenweise nutzen, sich einen temporären Aus . bzw. Einstieg gönnen.

Die amerikanische Publizistin, Philosophin und Regisseurin Susan Sontag hat bereits 1964 noch vor dem Summer of Love geschrieben:
„Wir müssen lernen, mehr zu sehen, mehr zu hören und mehr zu fühlen. Es ist nicht unsere Aufgabe, ein Höchstmass an Inhalt in einem Kunstwerk zu entdecken....Unsere Aufgabe ist es vielmehr, den Inhalt zurück zu schneiden, damit die Sache selbst zum Vorschein kommt. Das Ziel aller Kommentierung der Kunst sollte heute darin liegen, die Kunst – und analog dazu unsere eigene Erfahrung – für uns wirklicher zu machen statt weniger wirklich. (...) Statt einer Hermeneutik brauchen wir eine Erotik der Kunst.“

In diesem Sinne breche ich nun meine Kommentierung ab. Das flüchtige, nomadische, befreiende vielleicht auch anrüchige und erotische des Love Hotels können Sie bei einem Rundgang durchs Haus selbst erfahren.

Um jedoch die Personen, die die Räume und Werke gestaltet haben wirklicher für Sie zu machen, lade ich Sie nun zu einem kurzen Date ein.
In einem ersten Durchgang haben nun 15 BesucherInnen und 15 KünstlerInnen die Möglichkeit beim Speeddating mehr über sich zu erfahren, sich im Sinne von Susan Sontag wirklicher zu machen, statt weniger wirklich.

Freilich ist dabei der Freiraum ebenfalls zeitlich begrenzt, pro Date haben sie 3 Minuten Zeit, ihr Gegenüber kennen zu lernen. Für weitere Gespräche und Begegnungen steht ihnen ja das Love Hotel in der kommenden Woche zur Verfügung.
Aber bedenken Sie, was Oscar Wilde einmal geschrieben hat:
„Nur oberflächliche Menschen urteilen nicht nach dem äußeren Erscheinungsbild. Das Geheimnis der Welt ist das Sichtbare, nicht das Unsichtbare.“

Vielen Dank


Thomas Soraperra

AUSBILDUNG
Studium der Politikwissenschaften und Medien in Wien und Innsbruck

BERUFLICHE TÄTIGKEITEN
während und nach dem Studium Mitarbeit bei verschiedenen Sozial- und Kulturvereinen; freiberufliche Tätigkeit als Kulturvermittler,
Mitbegründer der „Medienwerkstatt Innsbruck“,
wissenschaftlicher Mitarbeiter im Jüdischen Museum Hohenems

1997 – 2002: Leiter der Presse- und Marketingabteilung der Kunsthalle Wien

2002 – 2005: Geschäftsführer der Feldkircher Werbe- und Tourismus GmbH., u.a. verantwortlich für Feldkirch Festival und KAMart. Messe für Kunst, Antiquitäten und Design

seit 2006 kaufmännischer Leiter des Kunstmuseum Liechtenstein

seit 2000 diverse Lehrtätigkeiten, u.a. an der Fachhochschule Wien, ECM-Masterlehrgang für Ausstellungstheorie & Praxis an der Universität für Angewandte Kunst Wien, Universität Innsbruck